Der Heilige Geist: Interview mit Johannes Justus aus der IDEA

Wo und wie weht der Heilige Geist?

PFINGSTEN Von allen Kirchen wird nur eine nach einem wichtigen christlichen Fest benannt: die Pfingstkirche. Der Grund: Was Pfingsten ausmacht – dass Menschen vom Heiligen Geist berührtwerden –, hat zur Entstehung der Pfingstbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA geführtund prägt sie bis heute. Die Pfingstkirchen sind die am schnellsten wachsende Konfession –auch in Deutschland. Sie haben hierzulande mittlerweile nach den Baptisten (72.000) die meistenMitglieder. Dazu ein Interview mit dem Präses des Bundes Freikirchlicher Pfingstgemeinden in Deutschland, Johannes Justus (Hannover).  Mit ihm sprach idea-Redakteur Karsten Huhn.

idea: Herr Präses, wie erklären Sie einem, der von Pfingsten noch nie gehört hat, was da passiert ist?

Justus: Zu Pfingsten geschah etwas Außergewöhnliches: Jesus Christus hatte seinen Nachfolgern versprochen, dass er sie nach seiner Himmelfahrt nicht verwaist zurücklassen würde, sondern ihnen seinen Geist senden würde. Dieses Versprechen wurde zu Pfingsten eingelöst. Menschen empfingen zu Pfingsten den Heiligen Geist – dieses Ereignis gilt als die Geburt der Kirche.

Was bringt mir Pfingsten?

Was bedeutet das für uns?

Mit Hilfe des Heiligen Geistes können Menschen Jesus Christus als den Gekreuzigten und Auferstandenen, als Herrn und Gott erkennen. Pfingsten öffnet uns für diese Erkenntnis die Augen und stattet uns aus, dass wir unseren Dienst als Christen tun können.

Wie werde ich mit dem Heiligen Geist erfüllt?

Was muss man tun, um so ein Pfingsterlebnis zu haben?

Vielleicht kann ich es an meiner eigenen Geschichte verdeutlichen: Ich bin als Sohn eines Baptisten- bzw. Brüdergemeinde-Pastors aufgewachsen. Das theologische Verständnis unserer Familie war: Wenn du wiedergeboren bist (also bekehrt), hast du den Geist Gottes. Ich merkte aber mit der Zeit, dass mir die Ausstattung mit der Kraft des Heiligen Geistes fehlte. Ich habe dafür gebetet – und bekam die Erfüllung mit dem Heiligen Geist.

Wie hat sich diese Be-geisterung ausgedrückt? Haben Sie getanzt wie König David (2. Samuel 6,14)?

Nein, da ich aus einer Baptisten-/Brüdergemeinde stamme, bin ich emotional sehr kontrolliert. Ich bin kein freakiger Typ. Tanzen kann ich noch immer nicht. Ich bekam aber die Gabe des prophetischen Redens und des Sprachengebets. Erlösung ist für mich wichtiger als Zungenrede

Der Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden betont besonders das Pfingstereignis. Warum sind Sie nicht ein Bund Freikirchlicher Ostergemeinden?

Unser Name wurde uns mehr von Außenstehenden verliehen, als dass wir ihn uns selbst gegeben hätten. Tatsächlich ist die Ausgießung des Heiligen Geistes für unseren Bund prägend, und die geschah nun erstmalig an Pfingsten. Diese Ausgießung wiederholt sich in der Kirchengeschichte, belebt die Gemeinden und hält sie lebendig. Ich freue mich über unseren Namen – er verrät, wie wir leben sollten: geisterfüllt.

Weht der Heilige Geist in Pfingstgemeinden mehr als anderswo?

Mit einem solchen Vergleich möchte ich sehr vorsichtig umgehen. Das größte Wunder ist für mich nicht die Heilung von einer Krankheit oder die Ausstattung mit einer bestimmten Gabe, sondern die Erlösung. Deshalb ist für unsere Gemeinden eine missionarische Gesinnung am wichtigsten. Die Geistesgaben sind Gaben des Dienstes, damit wir den Auftrag ausüben können, den Jesus Christus uns gegeben hat. Für mich ist nicht ausschlaggebend, wie viel Zungengebete und wie viel prophetisches Reden wir in unseren Gemeinden haben. Wenn sich in unseren Gottesdiensten keiner mehr bekehrt, dann ist für mich Alarm. Dann müssen wir uns in „Knieologie“ üben, das heißt, wir müssen auf den Knien vor dem Herrn schreien, damit es wieder Erweckung gibt.

Wie viel haben Pfingstler mit anderen Kirchen gemeinsam?

Mein Verständnis gegenüber anderen Christen ist: Warum sollte ich weniger Geschwister haben, als unser himmlischer Vater Kinder hat? Ein Beispiel: Einmal im Jahr machen wir eine Reise nach Israel. Beim letzten Mal beteiligte sich ein katholischer Priester mit 25 katholischen Gemeindegliedern. Der Priester nahm an der pfingstkirchlichen Reisegruppe teil, weil er wollte, dass seine Mitglieder geisterfüllt werden. Er bat mich, um die Ausgießung des Heiligen Geistes zu beten. Ich betete, und es war so wie zu Pfingsten: Einige bekamen prophetische Worte, andere redeten in Sprachen – es war phänomenal. Gott bricht jede Grenze.

Der Unterschied zwischen Pfingstlern und Charismatikern

Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen Pfingstlern und Charismatikern?

Jeder Mensch ist ein Charismatiker, das heißt: Er hat von Gott Gaben bekommen. In Deutschland ist der wesentliche Unterschied struktureller Art: Wir Pfingstler sind als Freikirche in einem Bund organisiert, charismatische Gemeinden sind dagegen unabhängig oder in klassischen Kirchen beheimatet. Ansonsten überwiegen die Gemeinsamkeiten, wobei es je nach Gemeinde natürlich auch unterschiedliche theologische Auffassungen geben kann.

„Schräge Vögel“: Luther, Wesley, Bonnke

Meine Frau meint: „Die Charismatiker sind große Beter, aber oft sind es auch ziemlich schräge Vögel.“

Sind nicht alle Menschen ein wenig schräg? In der Kirchengeschichte kam Erweckung immer dann, wenn eine Sache stark betont wurde. Martin Luther, der Begründer der methodistischen Kirche, John Wesley, oder heute der pfingstkirchliche Erweckungsprediger Reinhard Bonnke waren bzw. sind besonders kantige Typen – aber daran kann man sich auch festhalten. Fokussierung auf eine Sache kann also von Gott gewirkt sein.

Als Charismatiker gelten vielfach Christen, die mit Flaggen wedeln, zur Lobpreismusik tanzen und beim Sprachengebet in Verzückung geraten oder in ekstatisches Lachen ausbrechen.

Das hat sich etwas gewandelt: Heute werden in charismatischen Gemeinden nicht mehr so häufig Flaggen geschwenkt. Oder nehmen wir die Lobpreismusik: Wie umkämpft war sie, als sie in pfingstkirchlichen Gemeinden eingeführt wurde! Heute ist sie selbstverständlich und weit über die charismatischen Gemeinden hinaus segensreich. Für mich gilt deshalb: „Erhalte das Alte und erkenne das Neue!“ Dazu kommt: Was die einen abschreckt, ist für andere anziehend. Ich wünsche mir, dass es in jeder Stadt so viele Kirchengemeinden wie Kneipen gibt. Es ist ein Trugschluss, dass wir mit einer Gemeindeform alle Menschen erreichen können. Nur mit Vielfalt erreichen wir auch viele Menschen. Pfingstkirchen sind für manche Menschen attraktiv – für andere Menschen braucht es andere Gemeindeformen.

Das Geheimnis des Gemeindewachstums

Der Bund Freier Pfingstgemeinden in Deutschland zählt zu den ganz wenigen Kirchen, die wachsen. Gibt es ein Erfolgsgeheimnis?

Für mich sind inspirierte Leiter, ein auf Jesus Christus ausgerichtetes Leben und eine missionarische Gesinnung sehr wichtig. Dazu kommt das Gebet. Ein Beispiel: Einmal kam ein junger Leiter zu mir und sagte: „Ich habe einen türkischen Freund, aber ich kann ihn nicht überzeugen.“ Ich sagte: „Bring ihn mit.“ Er brachte ihn mit, und sie stritten, wer mit seinem Glauben im Recht war. Ich fragte den türkischen Mann, ob ich für ihn beten dürfe. Er stimmte zu, und ich sprach ein ganz einfaches Gebet: „Jesus, öffne ihm die Augen, damit er dich erkennt.“ Ein halbes Jahr später haben wir ihn in einem See in Hannover getauft – zusammen mit einem Juden, der Christ geworden war.

Kann so ein Christsein schädlich sein?

Die Fixierung auf den Wortlaut der Bibel, das Missionieren auch unter Muslimen und Juden, übertriebene Heilungsversprechen – dies könne im Extremfall schädlich sein, warnt der Beauftragte für Weltanschauungsfragen der hannoverschen Landeskirche, Pastor Jürgen Schnare.

Ich würde diese Warnung ernst nehmen, wenn das, was ich tue, nicht biblisch wäre. Ausschlaggebend ist für mich Jesu Auftrag: „Gehet hin in alle Welt und verkündet das Evangelium“ (Markus 16,15). Ich kann nicht immer darauf achten, was andere Menschen sagen. Verfolgung ist mir aus der kommunistischen Sowjetunion vertraut: Als ich sieben Jahre alt war, musste ich beim Schulappell vor 1.000 Schülern antreten. Ich wurde vom Direktor beschimpft, weil ich keine Pionieruniform trug. Der Direktor sagte: „Schaut euch diesen Gottesanbeter an! Diese Religion ist nicht mehr zeitgemäß.“ Das auszuhalten war nicht leicht, aber es hat mich auch gestärkt, Gott gehorsam zu bleiben.

Sie sind in der damaligen Sowjetrepublik Kasachstan aufgewachsen und siedelten mit Ihrer Familie 1988 nach Deutschland über. Wie waren Ihre ersten Eindrücke von Deutschland?

Wir kamen mit sechs Kindern, drei Koffern und drei Geschirrkisten hier an. Wir haben viel Wohlwollen, aber auch Ablehnung erlebt. Wir bekamen zunächst eine Wohnung in Eystrup, einem 4.000-Einwohner-Dorf bei Nienburg an der Weser in Niedersachsen. Zu Weihnachten kamen viele Leute aus dem Dorf und brachten uns Geschenke – das war für uns eine einprägsame Erfahrung. Wir sprachen anfangs noch nicht so gut Deutsch, wurden also schnell als Übersiedler erkannt und stießen bei manchen Leuten deshalb auf Ablehnung. Weltweit bin ich ein Deutscher, nur in Deutschland gelte ich als Aussiedler. Aber ich habe meinem Schicksal die Hand gereicht. Ich schäme mich nicht der Region, in der ich aufgewachsen bin.

„Wir sind eine Multikulti-Gemeinde“

Während die deutschen Gemeinden im Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden stagnieren, gibt es Wachstum vor allem bei den Gemeinden nicht-deutscher Herkunft. Sie machen inzwischen fast 40 Prozent Ihres Bundes aus.

Auch unsere deutschsprachigen Gemeinden sind längst internationale Gemeinden. Unsere Gemeinde in Hannover, in der ich weiterhin Pastor bin, ist keine rein deutsche Gemeinde. Wir predigen zwar in Deutsch, aber die Mitglieder repräsentieren mehr als 20 Nationen, zum Beispiel Griechenland, Spanien, Kroatien, England, Frankreich, Ghana und Brasilien. Wir sind also eine Multikulti-Gemeinde!

Wie integrieren Sie in einer Kirche viele Nationen?

In Ihrem Bund gibt es 176 afrikanische Gemeinden, 38 russische, 17 koreanische, 8 Latino-, 6 indonesische und philippinische, 5 persische und 4 tamilische Gemeinden sowie 15 weitere Gemeinden mit Wurzeln in Europa. Wie integrieren Sie die alle?

Das ist vor allem eine Frage der Zeit: In der ersten Generation bleiben die Migrationsgemeinden meist unter sich und sprechen ihre Heimatsprache. In der zweiten Generation wandelt sich das Bild: Die Kinder sind erwachsen geworden, beherrschen die deutsche Sprache und sind in der deutschen Kultur zu Hause. In der Regel öffnen sie sich und bieten auch deutschsprachige Gottesdienste an. An unserem Theologischen Seminar bilden wir auch Pastoren aus, die ursprünglich nicht aus Deutschland kommen. Wichtig ist, dass wir Einwanderer nicht als Fremde betrachten, die uns nichts zu geben haben, sondern dass wir uns gegenseitig in unseren Gaben ergänzen.

Die Stärken von Einheimischen und Ausländern

Welche Gaben bringen eingewanderte Christen mit?

Sie haben häufig ein hingebungsvolles Gebetsleben – das ist in deutschen Gemeinden oft abhandengekommen. Einwanderer sind auch mutiger, sie sprechen zum Beispiel viel offener über ihren Glauben. Eine Stärke der deutschen Christen wiederum ist: Sie sind weniger gesetzlich und setzen die eigenen kulturellen Überzeugungen nicht so absolut.

Bitte auch kein Armutsevangelium

Die größten Gemeinden der Welt sind pfingstkirchlich oder charismatisch. Häufig predigen sie ein Wohlstandsevangelium.

Das andere Extrem finden wir in Deutschland: Hier wird häufig „ein Armutsevangelium verbreitet“: Ich bin klein, mein Herz ist sündig, wir haben keine Möglichkeiten. Das Denken ist klein und verzagt. Ich nenne ihnen ein Beispiel aus meinem Leben: Ich habe die Russen gehasst. Die Kommunisten haben zwei meiner Großväter enteignet und erschossen, weil sie Deutsche und wohlhabend waren. Diese Ereignisse wurden in meiner Familie von Generation zu Generation weitererzählt. Als ich nach Deutschland kam, sagte ich zu Gott: „Du kannst mich führen, wohin du willst, aber nicht zurück nach Russland.“ Aber zu Gott kann man so etwas nicht sagen. Ich wurde eingeladen, in Russland an einer Bibelschule zu unterrichten. Nach der Konferenz kam ein Pastor auf mich zu und sagte: „Ich bitte dich um Vergebung für das, was unsere Väter deinen Vätern angetan haben.“ Das hat mich getroffen wie ein Schwert. Ich merkte, dass mein Denken zu eng war. Diese Enge beobachte ich oft auch in Deutschland – und nenne es Armutsevangelium.

Theologische Übertreibungen gibt es in beide Richtungen

Theologische Übertreibungen gibt es also in beide Richtungen. Warum bleiben wir nicht in der Mitte? Der Apostel

Paulus sagt: „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht“ (Philipper 4,13). Aber manche Christen vergessen manchmal den Vers davor: „Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, Überfluss haben und Mangel leiden.“

Zu viele leere Versprechungen?

Was manche charismatische Gemeinden von anderen unterscheidet: Sie bewerben ihre Veranstaltungen mit dem Versprechen auf Zeichen, Wunder und Heilungen. Versprechen sie zu viel?

Der Baptistenprediger Charles Spurgeon (1834–1892) wurde einmal gefragt, warum sich in seiner Gemeinde so viele Menschen zu Jesus Christus bekehren. Er antwortete: „Erwarten Sie, dass sich in Ihrer Gemeinde jemand bekehrt?“ Wer nichts erwartet, bei dem geschieht auch nichts. Ich bete also zu Gott, dass er Gnade schenkt und Wunder wirkt – ob er es tut, überlassen wir ihm. Ich ermutige jeden Christen, auf die biblischen Verheißungen zu vertrauen. Wir bieten Gebet und Ölsalbung für Kranke an, aber Heilung versprechen kann ich nicht.

Wie sollen sich Christen vom Heiligen Geist leiten lassen?

Die beste Möglichkeit: Wir sollen im Wort Gottes zu Hause sein. „Lasset das Wort Christi reichlich unter euch wohnen“, schreibt der Apostel Paulus im Brief an die Kolosser 3,16. Je öfter ich die Bibel öffne, desto mehr öffnet sich die Bibel mir. Dazu kommen Gedanken, die der Heilige Geist uns manchmal schenkt. Wenn wir nur im Wort bleiben, werden wir verkorkst. Bleiben wir nur im Geist, könnten wir haltlos werden. Wort und Geist – beides gehört zusammen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Das  Interview mit weiteren Informationen und Bildern können Sie sich als PDF ansehen, indem Sie auf nachfolgenden Link klicken:  2014_idea_justus

Es wurde von IDEA ausdrücklich zur Veröffentlichung freigegeben.

 

 

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